Eine interessante Begegnung

Sergeij Altuhow erzählte mir seine Geschichte in fließenden Deutsch. Wir waren auf der Terrasse der Stadthalle von Wolgograd, der Stadt die unter anderem auch eine Zeitlang Stalingrad hieß. Wir saßen gerade dort, wo die erste Wolgabrücke der Stadt gebaut werden sollte, deren Pfeiler neben der Terrasse fertig waren. Wir hatten über die breite Wolga einen herrlichen Blick auf die Stadt Wolgskij, in der Sergeij jetzt lebt.

Er war Berufsoffizier bei den sowjetischen Kommandotruppen, den "Speznaz" gewesen. Seine Spezialität war der Nahkampf, besonders mit Messern. So war er selbst zu drei Gelegenheiten verwundet worden mit insgesamt fünf Verletzungen. Drei von ihnen waren Stichwunden. Bei der Besetzung Afghanistans durch die Sowjets Dezember 1979 war er bei der Gruppe, die den Flugplatz von Kabul für die nachfolgenden Truppentransporter freikämpfte. −

Er war in seinem Leben öfter Christen begegnet und irgendwie hatten ihn diese Menschen fasziniert. Er wollte wissen, was an ihnen so Besonderes ist. Man sagte ihm, er solle einmal die Bibel lesen, dann würde er sehen, was es mit dem Christsein auf sich habe. Aber woher sollte er eine Bibel bekommen. Zu der Zeit wurde allein deren Besitz mit 5 Jahren Sibirien bestraft. Unbekümmert fragte er seine Freunde und Bekannten. Aber niemand besaß eine, oder man wollte es nicht zugeben. Schließlich klagte er den Frust seiner Lebensgefährtin. Die sagte schlicht, sie besäße eine. Daraufhin wollte Sergeij sich schief lachen, denn er hätte seiner Freundin nie eine so ungesetzliche Tat zugetraut.

Doch in der Zwischenzeit hatte er gehört, Christen hätten ewiges Leben. Das faszinierte ihn nun total. Das wollte er sehen! Er forschte, wer ein Christ wäre. Und als er einen fand, nahm er ihn mit auf sein Zimmer. Dort fragte er ihn: "Bist Du Christ?" "Ja" "Hast Du das ewige Leben?" Antwort wieder: "Ja". Da zog Sergeij seine Pistole, lud durch und setzte sie dem Christen an die Kopf, um ihn zu erschießen. Aber der Christ blieb ganz ruhig und erklärte ihm: "Du kannst mich jetzt erschießen und ich werde tot umfallen. Aber dann bin ich bei Gott im ewigen Leben. Du kannst das ewige Leben nicht sehen". Sergeij war total verwirrt. Nicht von der Aussage des Mannes, sondern von seiner Haltung. Er sagte: "Rainer ich habe viele Menschen in meinem Leben getötet. Und einige wußten, daß ich sie jetzt töten würde. Und sie alle haben gebettelt und gefleht, sind auf die Knie gefallen und haben meine Füße umklammert. Aber dieser Mann nicht! Er schien überhaupt keine Angst zu haben und schien völlig ruhig zu sein. Das hat mich so verwirrt, daß ich die Pistole aufs Bett warf und den Mann laufen ließ". −

Über dem Lesen der Bibel fand Sergeij dann zum Glauben. Er wollte ein Nachfolger dieses Jesus Christus werden und wollte sich dafür taufen lassen. Aber damit hatte er jetzt ein Problem, denn er fand keinen Pfarrer, der ihn taufen wollte: "Du bist ein Offizier der Speznaz und ich soll Dich taufen? Wenn ich Dir eine Bibel gebe, gehe ich fünf Jahre nach Sibirien, wenn ich Dich taufe sicher zehn Jahre!" Niemand wollte es tun, wahrscheinlich hielt man das ganze auch für eine Falle. Schließlich fand er den Pfarrer einer Pfingstkirche, der ihn taufte, aber nur mit ganz wenigen ausgesuchten Zeugen und nur bei Nacht.

Im Dienst hat Sergeij dann sein Christsein sofort bekannt. Er wurde dafür nicht nur ausgelacht, sondern auch für zumindest psychisch krank gehalten. Niemand aus seinem Bereich ließ sich von seinem Glauben beeinflussen oder anstecken. Schließlich quittierte er den Dienst.

Sergeij sagte, von seinen damaligen Kameraden lebten jetzt höchstens noch zwei. Der eine habe Psychosen bekommen und sei unter üblen Verhältnissen in einer geschlossenen Nervenklinik und einen anderen habe er aus den Augen verloren. Er wisse nicht, was aus ihm geworden sei. −

Sergeij selbst wurde Pfarrer einer Pfingstgemeinde gerade gegenüber der Wolga in seinem Wohnort. Zu seiner wachsenden Gemeinde gehören weit über tausend erwachsene Mitglieder. Mit dem Militär hat er nichts mehr zu tun. Aber sein Herz schlägt immer noch für Soldaten.

Quelle: Rainer Thorun