Das Ende der verführerischen Ruhe - Ev. Militärseelsorge Bundeswehr März 2022

10. März 2022  | erstellt von Dr. Bernhard Felmberg, Bischof für die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr

MEINUNG des evangelischen Militärbischofs

DAS ENDE DER VERFÜHRERISCHEN RUHE

Was wir aus dem Überfall auf die Ukraine lernen müssen

Nein, es ist nicht plötzlich alles anders. Nein, Europa erlebt keine 180-Grad- Wende vom Friedensprojekt zum atomaren Risikogebiet. Der Angriff auf die Ukraine öffnet uns die Augen für etwas, das die ganze Zeit vorhanden war, das viele aber nicht gesehen haben.

In der Politik wurde unfreiwillig so viel über die “neuen" Kriege nachgedacht, denen die Welt sich stellen musste, dass man die alte Bedrohung fast aus den Augen verloren hätte. Jetzt meldet sie sich mit Macht zurück. 30 Jahre lang haben wir Reisefreiheit, Handel und Wandel in Europa genossen. Das war erfreulicher als allzu genau hinzuschauen, wie es um die Freiheit steht und welche Werte das Handeln der Mächtigen leiten. Vielleicht war auch die Kirche zu unkritisch, vielleicht haben wir uns zu früh gefreut. Aber wir haben in der Bibel eine Mahnung, die wir ernst nehmen: Wer Frieden ausruft, wo doch kein Friede ist, verführt das Volk.

Diese verführerische Ruhe ist jetzt zu Ende. Dafür zahlt das ukrainische Volk, dafür zahlen Hunderttausende ukrainischer und russischer Soldaten einen furchtbaren Preis. Gemeinsam mit Menschen überall auf der Welt bete ich für Frieden in der Ukraine und für Freiheit für dieses tapfere Volk.

Sie als Soldatinnen und Soldaten fragen sich, was diese Situation für sie bedeutet. Welche Amtshilfe ist für humanitäre und Flüchtlingshilfe möglich? Gibt es einen Weg, die Ukraine gegen diese Aggression zu unterstützen, ohne zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen? Gibt es Ausrüstung, mit der wir wirksam helfen können, ohne zur Kriegspartei zu werden und einen Weltkrieg auszulösen? Die Bundesregierung berät diese Fragen. Das muss in enger Abstimmung mit unseren internationalen Partnern und mit Augenmaß geschehen.

Hinter diesen aktuellen Fragen sehe ich noch eine andere. Die Bilder vom Maidan in Kiew 2013/2014 gehen mir nicht aus dem Kopf. Vor acht Jahren ging ein Volk auf die Straße, bis zu 800.000 demonstrierten für die Freiheit. Das hat mich begeistert, das hat unsere Herzen bewegt. Den Preis dafür zahlen sie heute. Wäre es besser, sich dem Aggressor zu ergeben? Die „afghanische Lösung"? Die Menschen in Kiew sehen das nach allem, was wir zurzeit wissen - können - anders. Sie wollen erhalten, was sie erkämpft haben. Frieden, der mit Unfreiheit, Tyrannei und Unterwerfung unter das Unrecht erkauft wird, ist kein Frieden. Er ist nicht nachhaltig - und ganz bestimmt ist er nicht gerecht. Wie wäre es, wenn ich selbst diese Frage beantworten müsste?

Wer in der Bundeswehr dient hat sie mit seinem Diensteid oder im feierlichen Gelöbnis beantwortet: Recht und Freiheit sind genauso verteidigenswert wie die äußere Sicherheit. Für diese Klarheit bin ich der Bundeswehr und unseren Soldatinnen und Soldat dankbar.

Als Militärgeistliche bitten wir um Gottes Segen, um Trost und Begleitung für die Menschen, die uns anvertraut sind. Wir können nicht versprechen, dass die Bundeswehr nie am “scharfen Ende des Berufes“ ankommt, wir haben auch keine magischen Amulette im Angebot, die vor allen Kampfhandlungen schützen. Aber wir Wissen um einen GOTT, der sieht und hört, der mitgeht und mitfühlt. Ihn bitten wir um Frieden, um echten Frieden. Für die Menschen in der Ukraine und in Russland und für uns alle.

  Dr. Bernhard Felmberg,
  Bischof für die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr,
  am 10. März 2022

  Quelle: JS-Magazin 4/2022 Seite 17

 

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